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Flexibilität und Verfügbarkeit durch Arbeit auf Abruf. Analyse und Gestaltung von Rufbereitschaft

Zusammenfassung

Rufbereitschaft ist kein Randphänomen: Etwa 44% aller in Deutschland ansässigen Betriebe setzt Rufbereitschaft als essentiellen Wettbewerbsfaktor ein

Arbeit in Rufbereitschaft birgt sowohl Chancen als auch Risiken für die Rufbereitschaftsleistenden

Chancen und Risiken sind beeinflussbar über die Gestaltung der Organisation von Rufbereitschaft und die Gestaltung der Arbeitsbedingungen während der regulären Arbeitszeit und in Rufbereitschaft

Komplementär können die Rufbereitschaftsleistenden durch Trainings und Qualifizierungen im Umgang mit Rufbereitschaft unterstützt werden

Die Gestaltungspotentiale sollten zum Erhalt und der Förderung der Gesundheit, Motivation und Leistungsfähigkeit der Rufbereitschaftsleistenden optimal ausgeschöpft werden

Flexibilität und Verfügbarkeit durch Arbeit auf Abruf. Analyse und Gestaltung von Rufbereitschaft

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Rufbereitschaft als flexible Arbeitszeitform gewährleistet die Verfügbarkeit von Arbeitskraft auch außerhalb der „Normalarbeitszeit“: Die Arbeitnehmer, die Rufbereitschaft leisten, halten sich in ihrer Freizeit dafür bereit. Dabei dürfen sie ihren Aufenthaltsort frei wählen, müssen jedoch erreichbar sein, um im Bedarfsfall innerhalb einer vereinbarten Zeit am vorgesehenen Arbeitsort zu sein. Etwa 44% aller in Deutschland ansässigen Betriebe setzt Rufbereitschaft als essentiellen Wettbewerbsfaktor ein.

Im Vergleich zu anderen flexiblen Arbeitszeitmodellen – wie bspw. Schichtarbeit – ist Rufbereitschaft erst wenig erforscht. Somit liegen bisher auch kaum Erkenntnisse zu ihren Auswirkungen auf die Beschäftigten vor, die durch die Arbeit in Rufbereitschaft speziellen Beanspruchungen unterliegen. Die normalerweise während der Freizeit stattfindende Abgrenzung und Regeneration von der Arbeit sind während der Rufbereitschaftsphasen erschwert. Auch die Anforderungen des Privatlebens sind in diesen Phasen unter Umständen schwieriger zu erfüllen und bedürfen einer besonderen Planung.

Um den Auswirkungen von Rufbereitschaft auf den Grund zu gehen, wurden Rufbereitschaftsleistende in einer Tagebuchstudie an Tagen mit und ohne Rufbereitschaft zu ihrem Befinden, ihren Erholungserfahrungen und Aktivitäten befragt. Die Ergebnisse zeigen während der Rufbereitschaftsphasen im direkten Vergleich zu rufbereitschaftsfreien Zeiten ein schlechteres Befinden sowie eine geringere Erholung. Zudem treten in Zeiten mit Rufbereitschaft vermehrt Konflikte zwischen dem Arbeits- und Privat- bzw. Familienleben auf. Arbeit in Rufbereitschaft wird oftmals als Einschränkung der Freizeit empfunden. Die negativen Auswirkungen zeigen sich auch dann, wenn es zu keinen Einsätzen innerhalb der Rufbereitschaftsphasen kommt. Somit kann bereits die erhöhte Verfügbarkeit eine Belastung darstellen. Rufbereitschaft kann jedoch auch mit positiven Auswirkungen verknüpft sein. So können Rufbereitschaftseinsätze bspw. zu mehr Abwechslung bei der Arbeit, Erfahrung von Wertschätzung sowie einem erhöhten Kompetenzerleben führen.

Um die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Rufbereitschaftsleistenden langfristig zu erhalten, sollten negative Auswirkungen so weit wie möglich vermieden oder zumindest abgeschwächt und positive Auswirkungen gefördert werden. Im Rahmen von RUF konnten durch umfangreiche Datenerhebungen und Workshops mit Betroffenen Stellschrauben für eine gute Gestaltung von Rufbereitschaft ausgemacht werden.

So ist zunächst eine gute Organisation der Rufbereitschaftsdienste wichtig, die für die Vereinbarkeit von Rufbereitschaft und Privatleben sowohl Stabilität als auch Flexibilität bietet. Sie sollte zum einen eine langfristige Planung der Rufbereitschaftsdienste unter Beschäftigtenbeteiligung beinhalten, damit sie ihr Privatleben unter Berücksichtigung individueller Erfordernisse vorausschauend anpassen können. Neben dieser Stabilität durch eine langfristige Planung ist zum anderen jedoch auch Flexibilität erforderlich, um auf unvorhersehbare Anforderungen des Privatlebens reagieren zu können. Ein kurzfristiger Tausch von Diensten sollte möglich sein. Darüber hinaus hat sich die Möglichkeit zur Weitergabe eines Rufs im Notfall als wichtiger protektiver Faktor erwiesen.

Unnötige Einsätze sollten genauso vermieden werden wie unzumutbare oder unnötige Tätigkeiten, da diese sich besonders negativ auf das Wohlbefinden der Beschäftigten auswirken. Ebenfalls vermieden werden sollten qualitative Überforderungen. Diese können zum einen daraus resultieren, dass – oftmals in Einzelarbeit – während der Einsätze andere Tätigkeiten ausgeführt werden als während der regulären Arbeitszeit, so dass sich die Rufbereitschaftsleistenden fachlich überfordert fühlen. Zum anderen können jedoch auch unklare Befugnisse in der Rufbereitschaftssituation zu Verunsicherung und Überforderung führen. Ausreichende fachliche Qualifizierung für die Tätigkeiten in Rufbereitschaft sollten sichergestellt und Befugnisse und Zuständigkeiten geklärt sein. Ein weiterer protektiver Faktor ist die soziale Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte. Konkret beinhaltet sie z.B. mögliche Rückversicherungen bei Kollegen oder Rückendeckung von Vorgesetzten im Bedarfsfall. Gute Arbeit in Rufbereitschaft bedeutet schließlich auch, möglichst wenig Unsicherheit in Zusammenhang mit der Rufbereitschaft zu empfinden. Die Beschäftigten sollten vor ihren Einsätzen möglichst viele Informationen erhalten und vorgewarnt werden, wenn sie sich bereits im regulären Tagesgeschäft abzeichnen. Die Reduktion von Unsicherheit wirkt sich vor allem förderlich auf die Erholungsfähigkeit in den Rufbereitschaftsphasen aus.

Rufbereitschaft bietet vielfältige Ansatzpunkte einer guten Gestaltung, die im Sinne der Beschäftigten als auch der Arbeitgeber genutzt werden sollten. Im Übrigen ist sie eine Form entgrenzter Arbeit, die noch näher und systematischer erforscht werden sollte.

 

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